JOURNAL 6/11 |
Das Können zähltVolontariat und auch freie Arbeit im NRW-Lokalfunk bieten gute Voraussetzungen, Ach, den kenn ich doch – der ist jetzt also auch beim WDR.“ Jeder Lokalfunk-Angestellte in NRW kennt Mitarbeiter bei den öffentlich-rechtlichen oder den großen Privatsendern, die vorher beim eigenen oder anderen Lokalsendern waren – als Freie, Volontäre oder auch Redakteure. Dazu gehören bekannte Namen wie Judith Rakers (Tagesschau-Sprecherin und Moderatorin „3nach9“), Oliver Kalkofe (Moderation „Kalkofes Mattscheibe“), Oliver Welke (Moderation „heute-show“, „Ran“), Janine Steeger (Moderation „RTL Explosiv – Das Magazin“) oder Cathrin Brackmann (Moderation „Zwischen Rhein und Weser“ bei WDR 2) genauso wie viele Redakteure oder freie Mitarbeiter in den WDR-Regionalstudios. Begrenzte Aussichten Der WDR scheint die Lokalfunker wirklich zu schätzen. „Wir bilden 80 Prozent der Mitarbeiter des WDR aus“, schimpfte unlängst ein Lokalfunk-Chefredakteur beim Medientreff NRW in Bad Honnef. Aber wo sollen die Ex-Volontäre der NRW-Lokalfunksender auch hin? Jedes Jahr verlassen rund 30 ausgebildete Redakteurinnen und Redakteure die NRW-Lokalradios. Die wenigsten haben die Chance auf eine feste Stelle bei ihrem Ausbildungssender. Und auch die Möglichkeiten, frei für den Lokalfunk zu arbeiten, sind begrenzt. Die Chefredakteure der Lokalfunksender sehen den Wechsel ihrer Mitarbeiter „mit einer Mischung aus Stolz und Bedauern“, sagt Thorsten Kabitz, Chefredakteur bei Radio RSG, dem Lokalfunksender für Remscheid und Solingen, und Vorstandsmitglied im Verein der Chefredakteure. Er sei stolz darauf, wenn er die berufliche Karriere eines Nachwuchstalents, das er gefördert habe, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verfolgen könne, weil das ein Beweis für die Qualität der Ausbildung im Lokalfunk sei: „Der Lokalfunk ist der wortreichste Privatfunk in Deutschland, unsere Moderatoren können mehr als nur Linercards für Gewinnspiele zu schreiben, sie können Nachrichten, alle Beitragsformen, eben das komplette Handwerk fürs Radio.“ Kabitz bedauert allerdings, dass der Lokalfunk manchmal der „Durchlauferhitzer“ sei, der kostenlos eine qualitätsvolle Ausbildung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und andere Sender übernehme. Er habe davon gehört, dass gute Leute gezielt abgeworben worden seien: „Das ärgert natürlich die Chefredakteure.“ Dass Mitarbeiter nur wegen der Bezahlung den Lokalfunk verlassen, könne er nicht bestätigen. Auch nicht, dass sie gehen, weil sie keine Festanstellung bekommen. „Ich habe mehrfach Volontäre gehabt, die keine – wenn auch befristete – Festanstellung haben wollten, sondern lieber als Freie arbeiteten, weil sie eben frei bleiben wollten für die Chancen, die sich auf dem Markt noch bieten würden.“ Das können zwei ehemalige Volontäre aus dem Ruhrgebiet, die lieber ungenannt bleiben wollen, so nicht bestätigen. Beide haben dem Lokalfunk den Rücken gekehrt: „Aus meinem ehemaligen Volontärskurs sind nur noch die im Lokalfunk, die eine Festanstellung bekommen haben“, berichtet ein ehemaliger Lokalfunker, der jetzt beim NDR arbeitet. Dort hat er als fester Freier einen Rahmenvertrag – der Sender bezahlt anteilig die Sozialbeiträge, es gibt Urlaubs- und Krankengeld: „Das gibt schon Sicherheit. Als Freier beim Lokalfunk kann es Dir passieren, dass Du von einem Tag auf den anderen keine Aufträge mehr bekommst.“ Eine freie Mitarbeit war für den zweiten ehemaligen Volontär nur für eine Übergangszeit eine Option. Auch deshalb, weil er ein Jahr lang eine befristete Redakteursstelle hatte. „Als Freier im Lokalfunk kommst Du nur dann halbwegs finanziell zurecht, wenn Du regelmäßig feste Schichten bekommst. Ich habe mir durchgerechnet, wie viel ich als Freier hätte arbeiten müssen, um in etwa mein Gehalt zu bekommen. Da war mir klar, dass ich versuchen würde, etwas Neues zu machen“, erklärt der Kollege, der heute für den WDR arbeitet. Solche Statements decken sich auch mit den Erfahrungen des DJV-NRW, erklärt Geschäftsführerin Dr. Anja Zimmer. „Bei der Beitragseinstufung von Mitgliedern fällt zum Beispiel auf, dass freie Lokalfunker mit ihren Radiobeiträgen allein nur schwer ein angemessenes Einkommen erarbeiten können. Das geht – ähnlich wie bei vielen Lokalzeitungen – nur mit einem unglaublichen Aufwand an Zeit und Arbeit.“ Suche nach Alternativen Da liegt es nahe. dass nicht nur ausgebildete Lokalfunk-Redakteure andere berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und Einkommensquellen suchen, sondern auch freie Mitarbeiter der NRW-Privatradios. Viele machen den Sprung zu den Öffentlich-Rechtlichen – eben zu WDR und NDR, aber auch zum SWR oder zu Radio Bremen. Erste Gehversuche im NRW-Lokalfunk seien nicht verkehrt, um sich für den WDR zu qualifizieren, meint Andrea Benstein, Studioleiterin in Münster. Natürlich seien Bewerber mit journalistischer Erfahrung und Kenntnissen der Region interessant, also Lokalfunker und Reporter von den Regionalzeitungen. „In einer Universitätsstadt wie Münster mit dem Studienfach Kommunikationswissenschaften haben wir dann noch das große Glück, dass beim Campus-Radio viele Talente ihre ersten Beiträge machen. Aber klar ist: Lokalfunker, die sich in der Region auskennen und Nachrichten und Beiträge gemacht haben, schaue ich mir schon gern an.“ Etwa 50 Freie sind aktuell fürs Regionalstudio Münster tätig, rund die Hälfte kommt von den Lokalradios, fünf haben dort volontiert. Die andere Hälfte kommt vom Campusradio, anderen öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem NDR, von Lokalzeitungen oder TV-Firmen. „Für mich ist nicht wichtig, für wen ein Freier vorher gearbeitet hat, sondern was er kann“, betont Benstein. So hätten zum Beispiel Zeitungskollegen ihren Job, besonders auch die Recherche, in der Regel von der Pike auf gelernt und würden die Region kennen. „Das ist für uns ganz wichtig.“ Lokalfunker bringen dazu noch Radioerfahrung mit: „eine wunderbare Zusatzqualifikation“. Bewerber mit vielen Praktika-Stationen auch mit ganz großen Namen wie etwa dem ZDF punkten dagegen nicht unbedingt. „Zwei Wochen Praktikum hier und da bringen nicht viel. Dann nehmen wir eher einen Lokalfunker, der dauerhaft bei einem Sender war und dort etwas gelernt hat.“ Allerdings wird längst nicht jeder Lokalfunker genommen, der sich bewirbt. Auch zum Regionalstudio in Essen wollen viele ehemalige Lokalfunker, beobachtet Studioleiter Ralf Makrutzki. Ob jemand in Essen eine Chance bekommt, hängt dabei nicht vom vorigen Arbeit- oder Auftraggeber ab. Es komme „auf das Talent, auf das Potenzial an. Das zu entdecken ist wichtig.“ Und: „Grundsätzlich nehmen wir gerne gute Journalisten, die ihr Können unter Beweis gestellt haben.“ Mit Lokalfunkern habe das Studio Essen oft gute Erfahrungen gemacht, aber zum Teil auch weniger gute. Die beiden Ex-Volontäre aus dem Ruhrgebiet berichten übereinstimmend, dass ihre Ausbildung im Lokalfunk eine gute Grundlage war. Der Kollege, der zum WDR gegangen ist, konnte mit seinen Regionalkenntnissen punkten, weil er für mehrere Lokalsender gearbeitet hatte. Er hat während seiner Hospitanz beim WDR erlebt, dass alle die gleiche Chance bekamen – egal, wo sie vorher gearbeitet hatten. „Da muss dann jeder selbst das Beste draus machen.“ Wichtig sei, in der Volontärsausbildung möglichst alles drin zu haben – Nachrichten, Moderation und auch Programmplanung als Redakteur vom Dienst. „Das war für mich sehr hilfreich“, sagt der jetzige NDR-Kollege. Leider würden das aber nicht alle Lokalsender bieten. Ganz ohne Einarbeitung geht es aber nicht, wie beide WDR-Studioleiter betonen. Das gilt vor allem fürs Fernsehen: Das beherrschten die wenigsten Bewerber, auch wenn immer mehr kommen, die vorher für freie TV-Firmen gearbeitet oder eine Weiterbildung als Videojournalisten absolviert haben. Im Hörfunk lernen die Neulinge in der Einweisungshospitanz unter anderem die „Philosophie“ der einzelnen Wellen kennen, denen die Regionalstudios zuliefern, erklärt Makrutzki. Für 1live müsse man natürlich ganz anders texten als für WDR 5. „Wichtig ist, dass jemand die Grundlagen hat. Der Feinschliff passiert hier.“ In den Lokalfunk „reingerutscht“ Beim Lokalfunk das Rüstzeug, beim WDR dann das Feintuning: Genauso hat es bei der Radiomoderatorin Cathrin Brackmann geklappt, als sie vor zehn Jahren zu WDR 2 kam. Während ihrer Ausbildung zur Dolmetscherin arbeitete sie als Freie zunächst bei der WAZ. Bei Radio Neandertal, dem Lokalsender für den Kreis Mettmann, ist sie „so reingerutscht“, weil sie in der Gründungsphase für eine freie Mitarbeit anfragte. Ihr erster Beitrag lief zum Sendestart im September 1990. Als der Chefredakteur ihr ein Dreivierteljahr später ein Volontariat anbot, „habe ich alles stehen und liegen lassen und das gemacht – weil ich Radio großartig finde“, erzählt Brackmann. Danach stieg sie von der Redakteurin über Sportchefin und Chefin vom Dienst bis zur Chefredakteurin von Radio Neandertal auf. Nach einem Jahr in dieser Position suchte sie neue Herausforderungen und ging zum Mantelprogrammanbieter radio NRW, wo sie Vormittags- und Nachmittagssendungen moderierte. Ihr Traum war aber WDR 2. Deshalb empfindet sie es rückblickend als „großes Glück“, dass sie nach ihrer Bewerbung dort zum Casting eingeladen wurde und überzeugen konnte. Auch „Lokalzeit Ruhr“-Moderator Lars Tottmann begann im Lokalfunk, als Sportreporter bei Radio FiV im Kreis Recklinghausen (seit 2010 Radio Vest) – kurz nach der Gründung des Lokalfunks. Das war damals für viele eine Möglichkeit, überhaupt in den Journalismus zu kommen, stellt er rückblickend fest. „Anfang der Neunziger hat man im Lokalfunk viele verschiedene Formate ausprobieren können“, schwärmt Tottmann, das habe ihm später beim WDR geholfen. 1997 sprach ihn ein ehemaliger Lokalfunk-Kollege an, weil der WDR Sportjournalisten für die Lokalzeit Ruhr suchte. Ohne aktive Bewerbung wechseln zu können war „eine glückliche Fügung“, findet Tottmann. „Keine Frage, ich habe nicht lange überlegt.“ Allerdings musste er noch viel dazulernen, weil er beim WDR vorwiegend Fernsehen machte. Seit dem Jahr 2000 moderiert er die „Lokalzeit Ruhr“. Ob der Weg vom lokalen Privatsender zum WDR heute noch funktioniert, kann Tottmann nicht einschätzen: Der Lokalfunk sei heute etabliert, eben nicht mehr „dieses Neue“. Glückliche Fügungen gepaart mit viel Können begleiteten auch den Berufsweg von Tagesschausprecherin und „3nach9“-Moderatorin Judith Rakers. Ihr Studium hatte sie sich mit Journalismus mitfinanziert. Erste Station war Radio Hochstift, der Sender für die Kreise Höxter und Paderborn, wo sie nach einem Praktikum als freie Mitarbeiterin Umfragen und Beiträge machte und als Assistentin für die Wochenendsendungen CDs heraussuchte, die Werbecards vorbereitete und während der Sendung Anrufe entgegennahm. Anweisungen per Telefon Als eines Morgens der Chefredakteur zu spät kam, musste Rakers ran, damit nicht in der lokalen Sendezeit das Mantelprogramm lief. Ein Kollege, den sie per Anruf geweckt hatte, gab ihr am Telefon Anweisungen für die Technik. „Das lief wie in einem Katastrophenfilm, wo der Pilot plötzlich ausgefallen ist: ,Sehen Sie den Knopf links, drücken Sie den da rüber‘. Als dann der Chefredakteur kurz nach Beginn der Sendung kam, sagte er nur ,Du kannst das ja ohne mich, dann kann ich ja wieder gehen‘.“ Er blieb dann doch, aber nach und nach übernahm Rakers mehr Aufgaben – bis hin zur Moderation. Später wechselte sie für einige Jahre als Moderatorin zu Antenne Münster, wo sie auch heute hin und wieder noch als Interviewgast zu hören ist. Während des Studiums testete Rakers auch andere Medien aus, schrieb für die Neue Westfälische in Paderborn und die Münstersche Zeitung sowie für Fachzeitschriften. Auch Fernsehen wollte sie machen und bewarb sich bei Focus TV in München, wo sie mit ihren Erfahrungen sofort genommen wurde. Das angebotene Volontariat schlug sie allerdings aus, um fertig zu studieren. Nach dem Studium plante sie eine Promotion und schrieb zusammen mit ihrem Doktorvater Siegfried Weischenberg, damals noch Professor in Münster, ein Buch über Nachrichten-Journalismus. Als Weischenberg an die Uni Hamburg wechselte, ging sie mit. Neben der Tätigkeit als Tutorin an der Uni arbeitete sie als Live-Reporterin fürs Hamburg Journal beim NDR. Als eine Kollegin in Urlaub ging, durfte sie diese als Moderatorin vertreten. Schon nach wenigen Wochen holte Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer sie als Sprecherin. Das Hamburg Journal hat sie bis vor knapp zwei Jahren noch moderiert, „dann habe ich eine neue Herausforderung gesucht“. Und wie gerufen kam das Angebot der Talkshow „3nach9“. Eins kam zum anderen Sie habe früher nie daran gedacht, zum Fernsehen zu gehen: „Ich wollte eigentlich immer schreiben.“ Bei ihrer Karriere sei eins zum anderen gekommen: „Ich habe zugegriffen, wenn ein Angebot kam; und ich war qualifiziert, weil mir praktische journalistische Erfahrungen immer wichtiger waren als Semesterferien am Strand oder Party-Wochenenden in der Disco.“ Das „Glück des Tüchtigen“ habe ihr geholfen. Das Hamburg Journal hätte sie ohne die Vorerfahrungen beim Radio nicht moderieren können. Das Buch über Nachrichten hätte sie nicht machen können, wenn sie nicht vorher selbst für Print, Hörfunk und Fernsehen gearbeitet hätte, sagt Rakers. „Alles ging Hand in Hand, ohne dass es geplant war.“ Ganz gezielt suchte dagegen Christian Feld, heute Fernsehkorrespondent der ARD in Brüssel, ein Volontariat außerhalb des Lokalfunks, wo er die Zeit zwischen dem abgebrochenen ersten und dem zweiten Studium überbrückt hatte. Nach dem Einstiegspraktikum mit Umfragen und Beiträgen bei Radio RST im Kreis Steinfurt kamen Liveschalten und dann auch relativ zügig die Moderation dazu. Auch bei Antenne Münster arbeitete er, und kurz bei Radio Kiepenkerl im Kreis Coesfeld. Während seiner Zeit im Lokalfunk hatte Feld sich noch offen gehalten, was er später machen wollte. Das Ende des Studiums im Juli 2000 war dann der Einschnitt: „Nach fünf bis sechs Jahren im Lokalfunk hätte mir ein Volontariat nicht mehr unendlich viel gebracht“, sagt Feld. Er wollte zum Fernsehen, am liebsten in die Nachrichten. Seine Bewerbung für eins der begehrten WDR-Volontariate hatte Erfolg. „Es hat sich dann so ergeben, dass ich jetzt da bin, wo ich hin wollte – in der Tagesschau. Es ist toll, dort angekommen zu sein.“ Ein Training in Stressfestigkeit Die Zeit beim Lokalfunk, das Ausprobieren und die Erfahrungen möchte auch er nicht missen. „Ich habe gelernt, stressfest zu sein. Die Jahre im Lokalfunk waren keine verschenkte Zeit, im Gegenteil – das war eine sehr wertvolle Zeit.“ Allerdings habe der Lokalfunk sich in den letzten zehn Jahren verändert, mit Fake-Interviews und dem häufigen Nennen der Claims: „Das ist nicht mehr meins.“ Ob sich dieser Start ins Berufsleben heute noch lohnt, will Feld nicht beurteilen. Aber abraten würde er nicht von ersten Gehversuchen im Lokalfunk. „Das ist schon eine Option, Erfahrungen zu sammeln.“ WDR-2-Moderatorin Cathrin Brackmann, die Lokalfunk und WDR gleichermaßen „großartig“ findet und auch auch privat weiter ab und zu Lokalradio hört, rät auch heute noch auf jeden Fall zu einem Start im NRW-Lokalfunk: „Wenn ich von jungen Leuten gefragt werde, sage ich immer noch: Versucht es doch zuerst mal beim Lokalfunk. Die sind personell nicht so üppig ausgestattet, da hat man schon als Praktikant relativ schnell die Chance, etwas zu machen. Da bekommt man ein Aufnahmegerät in die Hand gedrückt und darf eine Umfrage machen.“ Dass man beim Lokalfunk als Anfänger schnell praktisch arbeiten kann, sei auch „toll, um herauszufinden: Ist das überhaupt was für mich“. So war es zumindest bei ihr, wie sie sich erinnert. „Bei Radio Neandertal war das oft learning by doing – ich wurde in vieles reingeschmissen.“ So habe sie fünf Minuten vorher erfahren, dass sie ihre erste Sendung moderieren sollte. Auch sie hat so gelernt, unter Druck schnell zu arbeiten und viele unterschiedliche Sachen zu machen. Das sei wichtig für Jungjournalisten, und erhöhe hinterher die Chancen für weitere Jobs. Den Einstieg übers Lokalradio empfiehlt auch Fernseh-Moderatorin Judith Rakers, weil man dort eben schneller praktisch arbeiten kann. „Praktikanten in sehr großen Redaktionen dürfen zwar gucken und mitlaufen, aber in den seltensten Fällen eigene Beiträge recherchieren und umsetzen“, sagt sie. „Kürzlich hat mich eine junge Frau aus meiner Heimatstadt Bad Lippspringe angemailt und um einen Rat gebeten, wie sie ihre journalistische Karriere angehen soll. Ich habe ihr geantwortet, sie solle unbedingt studieren: ein Fach, das ihr Spaß macht, im Idealfall ein geisteswissenschaftliches. Es könne aber auch Kisuaheli sein – Hauptsache, sie arbeite nebenbei bereits journalistisch, um schon während des Studiums viel praktische Erfahrung zu sammeln. Print ist die Basis für alles, Radio ist die beste Schule fürs Fernsehen. Im Praktikum sollte man so gut sein, dass man als freier Mitarbeiter dort bleiben kann.“ Nur Praktika zu sammeln hält Rakers dagegen für „nicht so gut“. Und sie empfiehlt, in alle Bereiche reinzugucken, um festzustellen, „was man selber kann, wo die Talente liegen, in welchem Ressort. Will ich in ein aktuelles Medium und Nachrichten schreiben, oder liegt es mir eher, für ein Wochenmagazin zu schreiben?“ Sie habe es nie als Manko empfunden, beim Lokalfunk angefangen zu haben. „Ich sage nach wie vor stolz: Ich war Praktikantin bei Radio Hochstift“. Attraktiv auch für andere Nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender wissen die kleinen NRW-Sender zu schätzen. Auch Susanne Matthiesen, bis Ende Oktober Chefin des dpa-audiodienstes, schwört auf die gute Ausbildung im NRW-Lokalfunk. Sie sitzt in der Jury für den LfM-Hörfunkpreis. Diese Auszeichnung geht jährlich an herausragende Beiträge der NRW-Lokalfunksender. Bei der diesjährigen Verleihung in Düsseldorf sagte sie, sie stelle am liebsten Lokalfunker ein. Im Gespräch mit dem JOURNAL präzisiert sie: Im NRW-Lokalfunk bekämen die Volontäre – anders als bei den meisten anderen privaten Hörfunksendern – schwerpunktmäßig eine journalistische Ausbildung. Deshalb kämen von dort „sehr gute Leute“. Sie müssten noch nicht mal einen Probearbeitstag absolvieren, so überzeugt ist Matthiesen von deren Können. Die Arbeit bei dpa audio sei mit der in den Lokalfunksendern vergleichbar – ob man Lokal- oder Weltnachrichten zuliefere, sei im Prinzip dasselbe. Nach Matthiesens Einschätzung ist das Lokale da eher noch anspruchsvoller, weil man nicht auf Agenturmaterial zurückgreifen könne, sondern selbst Nachrichten schreiben müsse. Auch der Einsatz als Reporter sei gleich: O-Töne holen und möglichst schnell fertig machen. In Berlin bei dpa audio seien das eben größere Termine, im Bundestag, bei der Bundesregierung, bei Celebrity Events wie Berlinale oder Großkonzerten: „Das ist ein größerer Maßstab, aber dieselbe Form von Arbeit.“ Natürlich herrscht in Berlin kein Mangel an freien Rundfunkjournalisten, die gerne bei dpa arbeiten würden. „Aber bei den meisten privaten Berliner Sendern gibt es praktisch kein journalistisches Wortprogramm, vom Berliner Rundfunk oder Flux FM mal abgesehen. In den meisten Radioprogrammen reden die Moderatoren morgens darüber, was sie abends im Fernsehen gesehen haben. Man erfährt nicht, was in der Stadt eigentlich los ist.“ Sie habe mit Berliner Journalisten teilweise keine guten Erfahrungen gemacht, berichtet Matthiesen. Zur Zeit produzieren bei dpa audio 18 festangestellte und 18 freie Journalisten im 24-Stunden-Schichtbetrieb etwa 80 Programmstücke pro Tag plus fertige Nachrichtenausgaben. Fünf der derzeitigen Mitarbeiter kommen von den NRW-Lokalradios. Auch von anderen Privatsendern wie Antenne Bayern holte die dpa-audio-Chefin Leute, sie warb tatsächlich ab – wenn ihr ein Journalist auffiel oder empfohlen wurde. Darüber hinaus kennt Susanne Matthiesen viele Lokalfunker aus den Volontärkursen bei der Akademie für Publizistik in Hamburg, wo sie unterrichtet. Sie hat viele eingeladen, ihr Praktikum während des Volontariats in Berlin zu absolvieren. Das sei für die weitere Karriere eine gute Station: „Die Volontäre sind bundesweit zu hören, auch in der Schweiz und in Österreich. Und im Lebenslauf sieht dpa einfach gut aus.“ Auch wenn die WDR-Studioleiter Andrea Benstein und Ralf Makrutzki gerne gute Lokalfunker nehmen: Leute aus dem Privatradio abwerben, wie es die dpa-audio-Chefin getan hat, würden sie nicht. „Das haben wir auch nicht nötig, wir haben genug tolle Bewerber“, sagt Benstein. Der WDR bilde zudem selbst aus, habe ein engagiertes und ambitioniertes Ausbildungsprogramm. Hinzu kämen ja auch noch Studenten der Universitäten Leipzig und Dortmund, die die praktische Ausbildung ihres Journalistikstudiengangs beim WDR machen, ergänzt Makrutzki. Eine ganze Reihe von Mitarbeitern bewerbe sich auch nach dem Studium direkt beim WDR. Die Frage sei nicht, „wieso nehmen wir Lokalfunker, sondern eher: Was wollen die Lokalfunker bei den Öffentlich-Rechtlichen?“, meint die Chefin des WDR-Studios Münster. „Viele sagen, dass sie den Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender wichtig finden, sie verbinden auch etwas damit. Sie befürworten die ausgewogenere Berichterstattung, dass sie auch mal Hintergrundstücke von dreieinhalb Minuten machen können oder ganze monothematische Sendungen.“ Und natürlich könnten sie hier auch Fernsehen machen: Außerhalb der Medienstadt Köln sei das fast nur beim WDR möglich. Deshalb beobachtet Benstein in Münster, dass der WDR auch für viele Studenten interessant ist: Sie wollten ins Medium Fernsehen reinschnuppern, im Regionalstudio erste Gehversuche machen, um dann die weitere Karriere zu planen. Eine Frage der Perspektiven WDR-Studioleiter Ralf Makrutzki sieht noch einen weiteren wesentlichen Punkt: Beim Lokalfunk sähen viele Journalisten keine Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln, und gingen deshalb woanders hin. Auch Lokalfunk-Chefredakteur Thorsten Kabitz sieht darin einen Grund, warum viele Lokalfunker wechseln. „Im Lokalfunk kann man als Freier oder Volontär später fest angestellter Redakteur, Chef vom Dienst und dann Chefredakteur werden. Wenn einem dann der eigene Laden nicht mehr gefällt, was dann? Wechselt man zu einem anderen Lokalfunksender, kennt man sich in der Region nicht aus, was ein Nachteil ist. Das ist ein Knackpunkt bei uns – außer dem Wechsel zur radio NRW gibt es im System keine Perspektiven.“ Mit der angedachten landesweiten privaten Jugendwelle hätte der Privatfunk in NRW zumindest für junge Mitarbeiter eine „andere Spielfläche“, auf der sie sich entwickeln könnten. Makrutzki hat die Erfahrung gemacht, dass einige Lokalfunker ohnehin nicht geplant hätten, dauerhaft beim Lokalfunk zu bleiben. „‚Ich war beim NDR oder WDR‘ klingt eben anders, als bei einem Lokalfunksender gewesen zu sein“, sagt der Chef des WDR-Studios in Essen. Wellen wie 1live oder WDR 2 seien ein Faszinosum für viele Radiojournalisten. Das sei innerhalb des WDR nicht anders. „Es ist auch unsere Aufgabe, für den WDR in Köln oder die gesamte ARD auszubilden. Viele ehemalige Münsteraner trifft man auch beim HR oder beim ZDF“, ergänzt Benstein. Auch Makrutzki beobachtet, dass gute Mitarbeiter aus dem Regionalstudio woanders hingehen, zum Beispiel in die Zentralredaktionen. „Da geht es uns auch nicht anders als den Chefredakteuren beim Lokalfunk.“ ||Sascha Fobbe || top ||
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