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des DJV-NRW |
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JOURNAL 4/10
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Im Jubel umschalten auf Katastrophe
Der WDR ging am 24. Juli stolz auf Sendung aus Duisburg von der Loveparade: „Als einziger Fernsehsender überträgt der Westdeutsche Rundfunk die Loveparade 2010 live – und das fast sieben Stunden lang. Unsere Moderatoren Thomas Bug (Aktuelle Stunde), Catherine Vogel (Aktuelle Stunde), Sabine Heinrich (1Live und „Unser Star für Oslo“) und Mike Litt (1Live) werden auf den Floats mitziehen, Backstage mit den DJs sprechen und ganz viele Eindrücke aus der Menge mitbringen. So vermitteln sie das Loveparade-Gefühl ,hautnah’!“, warb der WDR bis zum 24. Juli in seinem Web-Auftritt für „das WDR LoPa-Team vom Gelände am alten Güterbahnhof in Duisburg“. Die Internetseiten transportieren die Freude des Kölner Senders über die exklusive Bindung an den Veranstalter der Loveparade 2010. Deshalb waren dann die Zuschauer der „Aktuellen Stunde“ (AKS) des WDR live dabei, als die Moderatoren und Redakteure im laufenden Jubel-Betrieb auf Katastrophe umschalteten. 17.56 Uhr ging die Agentur-Eilmeldung über die Massenpanik mit mindestens zehn Toten und Hunderten Verletzen ein. Um 18.05 Uhr schaltete 1Live schon auf aktuelle Radio-Berichterstattung von der Tragödie um, bestätigte Andreas Löffler vom WDR-Jugendsender. Um 18.30 Uhr ging die AKS mit einer Sondersendung und Live-Schaltungen zu den Moderatoren vor Ort auf Sendung. Thomas Bug und Catherine Vogel in ihren bunten T-Shirts auf der Bühne, dröhnende Beats im Hintergrund des Duisburger Güterbahnhofs, Bilder kreisender Hubschrauber – und noch keine Informationen. Sabine Heinrich: „Ich hab’ auch noch keine Idee.“ Ein ungeschminktes Bild des Journalisten-Alltags. Mittendrin und doch für lange Momente ohne Durchblick: Wisst ihr gerade mehr? Für Zuschauer manchmal unfassbar, wie die Kommentarspalten auf wdr.de spiegeln. Ein Glücksfall – wenn alles gut geht Zum Journalistenalltag, den das Publikum eher nicht mitbekommt, gehört auch, dass man seinen gestern verfassten Zeitungskommentar liest und erleichtert ist, dass in bestimmte Aspekt zumindest nicht ganz fehlt. So mag es Frank Preuß von der WAZ gegangen sein, der in seinem Kommentar am Tag vor der Loveparade-Katastrophe in Duisburg die Veranstaltung als „Glücksfall“ für das Ruhrgebiet bezeichnet hatte. Zum Schluss schob der zuvor schon als kritischer Begleiter der Duisburger Loveparade aufgefallene Preuß den Satz ein, der tags darauf fast schon prophetisch klang: „Vorausgesetzt natürlich, es geht alles gut.“ Leider ist nichts gut gegangen – auch nicht für die WAZ. „Die WAZ machte Stimmung für die Loveparade in Duisburg – und zeigt nun keinerlei Selbstkritik“, schrieb die Berliner Zeitung am 31. Juli. Der Vorwurf von Autorin von Annika Joeres: „Die führende Zeitung des Reviers hatte wie viele andere Medien auch Druck gemacht, den Techno-Umzug in diesem Jahr in Duisburg stattfinden zu lassen.“ Selbstkritik über die druckvolle Berichterstattung finde sich in der WAZ hingegen in keiner Zeile, obwohl täglich es mehrere Seiten über das tödliche Ende der Loveparade mitten im Revier gebe. „Dass vielen Pressestellen und Medien ihre Jubel-Berichte vor der Loveparade heute peinlich sind, ist verständlich.“ Die Folgen von zu viel Nähe Peinlich war dem Düsseldorfer Innenministerium wohl auch, wie es im Vorfeld auf den eigenen Internetseiten seine Verdienste zum Gelingen der Loveparade dargestellt hatte. Wie verschiedene Medien berichten, wurde es dabei ertappt, dass die Seiten nach der Katastrophe schnell von entsprechendnen Beiträgen gesäubert hatten. Auch Joeres stellt fest, auf derwesten.de seien viele ältere Kommentare zur Loveparade „online nicht mehr zu lesen“. Das Archiv der Seite sei kollabiert, die Artikel laut Konzern-Sprecher Paul Binder„aus technischen Gründen“ verschwunden. Da zeigten sich auch bei der Katastrophe in Duisburg die Folgen für den Journalismus durch Nähe oder geringe Distanz durch Kooperationen und Partnerschaften von Medienhäusern und Mega-Event-Veranstaltern (siehe auch Titelgeschichte zu Medienpartnerschaften „Das machen alle“). Immerhin gestand der Leitende Redakteur der WAZ, Thomas Wels, am 27. Juli ein: „Viele Politiker und Kulturschaffende haben sich – wie auch wir als Zeitung – für die Loveparade im Revier stark gemacht.“ Tags zuvor hatte Kulturchef Jens Dirksen mit hauchdünn zu erspürender Selbstkritik kommentiert: „Das Ergebnis, dass Duisburg und die Kulturhauptstadt die Loveparade stemmen könnten, stand eigentlich immer schon fest. Alles andere hätten wir alle nicht recht glauben mögen. (…) Vielleicht sind nicht nur die Verantwortlichen längst Gefangene ihrer Metropolen-Rhetorik, ihrer Versuche, Fakten durch Herbeireden zu schaffen.“ Die Tragödie von Duisburg hat Wunden geschlagen – auch bei Medienschaffenden. Denn die Frage nach der Verantwortung stellt sich auch den Journalisten: Hätten sie das Unglück verhindern können und müssen? Sind Kritik- und Kontrollfunktion bei Journalisten soweit zurückgedrängt, das sie organisatorische Fehlleistungen wie in Duisburg nicht mehr aufdecken? Sauber arbeitet Joeres heraus, wie Druck im Revier „pro Loveparade“ durch einen Medienverbund von WAZ-Mediengruppe und WDR aufgebaut wurde. „Auch der Landessender WDR warb unermüdlich für die Loveparade. Tage vorher berichtete 1Live in vielen Specials über das Event, auf dem der Jugendsender mit einem eigenen DJ auftrat und ‚Float’, einem WDR-Lautsprecherwagen. Schließlich ist der WDR offizieller Partner der Kulturhauptstadt 2010, und die Loveparade war ein wichtiger Teil davon. Ein Ereignis, mit dem sich bis zum tragischen Ende Geld verdienen und Werbung machen ließ. Die zahlreichen Sendebeiträge im WDR-Fernsehen wurden wiederum auf derwesten.de verlinkt, die Loveparade war auf allen Kanälen an Rhein und Ruhr.“ Etwa mit einem Beitrag über Modetrends in der AKS drei Tage vor dem Techno-Fest: O-Ton der Ankündigung des Beitrags im WDR-Online-Auftritt: „Böse Stimmen behaupten allerdings, die Loveparde im Ruhrgebiet sei bei weitem nicht so cool wie damals in Berlin. Vor allem die Outfits seien weniger gewagt und ausgefallen. Dagegen wollen wir etwas tun. Wir zeigen die Modetrends der Loveparade 2010.“ „Moralisch mitverantwortlich“ Immerhin sendete das WDR-Kulturmagazin „Westart“ einen Ex-Intendanten und Ruhr2010-Chef Fritz Pleitgen, der selbstkritisch eingesteht: „Ich fühle mich moralisch mitverantwortlich.“ Denn die Ruhr.2010 habe die Entscheidung für das Techno-Fest mit angeschoben. In dem Beitrag ist auch der Duisburger Bürgermeister Sauerland während der laufenden Loveparade zu sehen, der – zwei Stunden vor der Katastrophe – sichtlich zufrieden in die Kamera sagt: „Wir waren im Zwang, es hinkriegen zu müssen.“ Unter Druck standen nach dem Unglück auch viele Print-Kollegen für die aktuellen Sonntagsausgaben. Mit den Grenzüberschreitungen ihrer Titel wird sich demnächst der Presserat zu beschäftigen haben. Weit mehr als 200 Beschwerden sollen dort bereits vorliegen. Und dem schönen Titel „Ein einziger Blick in die Zukunft hätte doch gezeigt...“ befasst sich Stefan Niggemeier am 1. August in der F.A.Z. kritisch mit der Berichterstattung nach dem Unglück. In den Berichten über die Tragödie der Loveparade hatte Niggemeier „eine bemerkenswerte Selbstgerechtigkeit“ registriert. „Weitgehend ungestellt blieb die Frage, warum, wenn die Mängel so unübersehbar waren, all die Journalisten sie vorher übersehen hatten.“ Und weiter fragt das schlechte Gewissen der Branche, „ob man zu den vielen, die ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, nicht auch die Medien zählen muss“. Der „Alpha-Journalist“ rieb der NRZ wie auch der Rheinischen Post als den lokalen Tageszeitungen in Duisburg „das Fehlen von Recherchen und kritischen Würdigungen des Sicherheitskonzeptes“ unter die Nase. WDR und bild.de waren für Niggemeier als Medienpartner der Loveparade „in der Rolle der Jubelperser“ und damit sowieso außen vor. Ganz sicher aber sage „die fehlende Auseinandersetzung der Medien mit ihrem Versagen etwas aus über ihr Selbstverständnis“. Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht nimmt im Blog carta.info den Ball auf. „Das ,Versagen’ einiger Journalisten besteht folglich darin, die Vielschichtigkeit des Unglücks nicht mit der gebotenen Ruhe und Distanz herausgearbeitet und die Vorläufigkeit und Unzulänglichkeiten der eigenen Schlüsse nicht rausreichend thematisiert zu haben – um so letztendlich pointierter urteilen zu können.“ Zu erwarten, dass Lokaljournalisten sich unter Verschluss stehende Genehmigungen hätten besorgen und durchrechnen können, verkläre und überschätze „die Fähigkeiten von Journalismus als gesellschaftliches Frühwarnsystem“. Werner Hinse
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Siehe auch
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