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JOURNAL 2/12
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Jeff Jarvis: Links verbinden
Menschen werden immer wichtiger, um Inhalte zu verbreiten.
Jeff Jarvis mischt seit einigen Jahren regelmäßig die Verleger auf: Ob beim World Economic Forum in Davos, bei den Medientagen München, dem DJV-Kongress „Besser Online“ in Bonn oder anderen Mediendebatten: Der Journalist, Journalistikprofessor und Web.2.0-Experte polemisiert gegen paid content und hält vor allem deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenmachern vor, sich an einem aussterbenden Geschäftsmodell festzuklammern, ohne eigene, neue Ideen fürs Web zu entwickeln. Jeff Jarvis bloggt auf www.buzzmachine.com und sucht Verständnis für die großen US-amerikanischen Internetkonzerne zu wecken: 2009 in seinem Bestseller „What would Google do?“ und in seiner neuen Publikation „public parts. How sharing in the digital age improves the way we work and live“. Die Autorin hat ihn im Januar 2012 bei Burdas Internetkonferenz „Digital Life Design (DLD)“ getroffen.
JOURNAL: Jeff Jarvis, was ist derzeit die größte Herausforderung für das Internet?
Jeff Jarvis: Ich glaube, das ist die Drohung mit staatlicher Regulierung. Das Internet gibt es jetzt mehr als ein Jahrzehnt – warum glauben Regierungen auf einmal, dass es gefährlich ist? Weil es schlimmer geworden ist? Nein, es ist besser geworden! Es ist zu einer Macht geworden, einer Macht mit Sprengkraft, einer Macht für Veränderung, und das erschreckt die alteingesessenen staatlichen Institutionen. Diese Kampfansage haben wir im arabischen Frühling erlebt – das war keine Internet-Revolution, aber die Menschen haben das Internet mit viel Fantasie genutzt, um sich zu organisieren. Ähnliches ist passiert bei Occupy Wallstreet oder beim Kampf in den USA gegen Internetgesetze wie SOPA und PIPA. Das Internet ist ein Werkzeug, um Öffentlichkeit herzustellen, das wird als Bedrohung empfunden. Daher versuchen sich Regierungen mit der Unterhaltungsindustrie und den traditionellen Medien zu verbünden, um das Internet einzuschränken.
JOURNAL: Aber Sie können nicht leugnen, dass es auch Negatives gibt!
Jarvis: Natürlich, im Internet geht es zu wie im richtigen Leben: Es gibt überall Probleme, Dummköpfe und Idioten. Aber es hat ein fantastisches Potenzial! Es ist wie mit der Presse: Man kann Mist drucken oder Kunst. Die Presse wird auch nicht beschränkt, ihre Inhalte werden nicht lizenziert. Wer versucht hat, Inhalte zu zensieren, ist letztendlich immer gescheitert. Wenn man eine offene Plattform wie das Internet beschneidet, dann schneidet man sich vom Schlechten wie vom Guten ab.
JOURNAL: Die jüngsten Proteste von Wikipedia und anderen gegen Regulierungsgesetze in den USA wie SOPA und PIPA – waren sie erfolgreich, waren sie wirklich hilfreich?
Jarvis: Ja, das hat absolut geholfen! Beide Gesetzesvorlagen liegen erst mal auf Eis, die Unterstützung im Parlament ist umgeschwenkt von Mehrheit dafür zu Mehrheit dagegen. Es war nicht nur der Protest von Unternehmen wie Wikipedia oder Google – bei Google haben außerdem sieben Millionen Leute eine Petition unterschrieben! Das zeigt, wie viel Macht wir haben, wenn wir gemeinsam für eine Idee einstehen.
Das Problem ist: Die Internetgemeinde, die erstmals gemeinsam politischen Druck ausgeübt hat, kann sich nicht zurücklehnen und sagen: Wir haben gewonnen! Denn es geht weiter: Es gibt ACTA, ein weiteres Gesetz, das über Staaten hinweg das Internet einschränken will. Außerdem hat EU-Kommissarin Vivian Reding ihre „vier Säulen“ für die Internetregulierung in Europa vorgestellt, das geht in meinen Augen noch viel weiter als das, was gerade in den USA verhindert wurde. Ja, die Internetbewegung hat etwas bewirkt, aber der Kampf hat gerade erst begonnen.
JOURNAL: Ist Piraterie denn in Ihren Augen kein Problem? Sie sind doch selbst Autor und Journalist, und viele wollen mit Inhalten im Netz ihr Geld verdienen.
Jarvis: Gibt es Piraterie im Internet? Ja, aber ob das ein Problem ist, hängt vom Geschäftsmodell ab. Paulo Coelho, der berühmte brasilianische Autor, hat Millionen Bücher verkauft. Durch Zufall fand er heraus, dass seine Bücher sich besser verkauften, wenn es Raubkopien davon gab. Er erreicht ganz neue Leserschichten, die ihn kennen lernen und dann seine Bücher kaufen. Daher hat er selbst Raubkopien von sich ins Netz gestellt – sein Verleger hat ihn dabei erwischt! Coelho ist ganz entschieden gegen diese Art von Regulierung.
Braucht man Urheberrechtsschutz im Netz? Ja, aber es geht um eine strukturelle Veränderung in den Medien. Wir Medienmacher glauben, aller Wert liegt in unseren Inhalten, die wir produzieren und verkaufen. Das hat lange so funktioniert. Aber Facebook oder Google sehen das ganz anders. Sie verstehen Inhalte als Hinweise von Leuten, was sie mögen, wo sie sind, was sie tun, was sie konsumieren, was ihnen nicht gefällt. Diese Werte werden durch Inhalte generiert, aber die Inhalte sind nicht das Produkt selbst. Ich finde, Medienunternehmen müssen sich mehr um Beziehungen kümmern als um Inhalte.
Werden wir weiter Inhalte produzieren? Ja, aber als Autor und als Medienunternehmen müssen Sie sich service-orientiert verhalten, dann ändert sich Ihre Beziehung zum Publikum und zu den Inhalten.
JOURNAL: Aber was bedeutet das konkret für Autoren, Musiker, Journalisten, die ihren Lebensunterhalt mit ihren Inhalten verdienen wollen und müssen? Was heißt das für sie in der Praxis?
Jarvis: Verschiedenes: So können Sie als Autor jetzt die Verlage und Medienunternehmen umgehen und Ihre Inhalte dem Publikum direkt verkaufen. Als Buchautor weiß ich: Nicht der Verlag promotet einen, das muss man schon selber tun! Im Netz gibt es mehr Möglichkeiten dazu. Sie verkaufen mehr Bücher direkt, vielleicht billiger, aber sie können mehr vom Umsatz behalten. Und vor allem Sachbuch-Autoren verdienen nicht so sehr am Verkauf ihrer Bücher, sondern durch Talks, Konferenzen, Consulting, so wie ich auch. Wenn Ihre Inhalte im Netz gefunden werden, hilft das dabei.
Gilt das auch für Filme? Nein, Filme sind einmalig und wertvoll. Die Wahrheit ist: Wenn wir es den Leuten einfach machen, Filme zu kaufen, dann tun sie es auch. Apple hat das mit i-tunes bewiesen. Es wird künftig einen Mix verschiedener Modelle geben. Wenn Sie Romanautor sind, wollen Sie Ihr Buch verkaufen und mit Ihren Lesern in Kontakt treten. Das ist jetzt möglich. Wenn Sie eine Nachrichtenorganisation sind, werden Sie mehr zu einer Plattform, auf der die Community ihr Wissen teilt und wo die Nutzer mehr Inhalte produzieren, so dass Sie weniger produzieren müssen. Das ist etwas wert. Das heißt, wir müssen unsere Sicht auf die Medien überdenken.
Schauen wir auf die Erfindung des Buchdrucks, der hat sich auch erst nach einem Jahrhundert durchgesetzt. In Gutenberg-Jahren gerechnet sind wir erst ganz am Anfang dieser neuen Medienwelle. Wir haben noch gar nicht richtig begonnen, die Medien neu zu erfinden. Bücher, Zeitschriften und Zeitungen im Netz sehen doch immer noch aus wie Bücher, Zeitschriften und Zeitungen! Ich finde, wir kratzen gerade einmal an der Oberfläche dieser Veränderungen in der Medienwelt.
JOURNAL: Seit Jahren beklagen sich Zeitungs- und Zeitschriftenverleger darüber, dass die Leser ihre Inhalte im Netz umsonst konsumieren. Sie gelten als einer der heftigsten Kritiker dieser Haltung der Verleger. Hat sich daran etwas geändert?
Jarvis: Ich sage einmal mehr: Die Verleger gehen das verkehrt an! Wenn Murdoch sich beschwert, dass Google auf seine Inhalte verlinkt und damit seine Seele stiehlt, dann liegt er falsch. Google schickt ihm Leser, Zuschauer. Wenn er mit denen keine Beziehung aufbaut, ist es sein Fehler, nicht der von Google.
David Karp, der junge Gründer der Blogging-Plattform Tumblr, hat gesagt, dass jedes Posting durchschnittlich neun Mal repostet wird. Das ist gut, denn das heißt, Ihre Inhalte sind jetzt auf neun weiteren Internetseiten und in vielen Feeds, mehr Leute entdecken sie. Links verbinden – davon kann man profitieren. Aber Medienunternehmen sind nicht so aufgestellt, dass sie davon profitieren, denn sie wollen immer noch ein sterbendes Geschäftsmodell retten.
JOURNAL: Seit Jahren reden wir davon, die Welt zu digitalisieren. Was kommt eigentlich nach der Digitalisierung?
Jarvis: Wenn wir über Digitalisierung reden, reden wir über Werkzeuge. Was es wirklich bedeutet, ist, Menschen zu verbinden. Als nächstes wird es wieder um die Menschen gehen. Bisher haben Medienunternehmen Traffic vor allem von der Suchmaschine Google bekommen, aber inzwischen bekommen sie mehr und mehr von Facebook, Twitter, Tumblr, Google plus. Das heißt, Menschen werden immer wichtiger, um Inhalte zu verbreiten. Ich glaube, wir entdecken gerade, dass die Technologie nur ein Werkzeug ist, um die Gesellschaft neu zu denken, und die Gesellschaft übernimmt wieder die Führung.
Die Fragen stellte Sissi Pitzer.
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Kasten: SOPA, PIPA und ACTA Kasten Der Wert des Urheberrechts |
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Kasten:
SOPA, PIPA und ACTA
Die beiden US-amerikanischen Gesetzesentwürfe SOPA und PIPA (Stop Online Piracy Act bzw. Protect IP Act) sollen die unerlaubte Verbreitung urheberrechtlich geschützter Inhalte verhindern, stellen ihr Herunterladen ebenso unter Strafe wie das Verlinken darauf. Unterstützung kommt vor allem von Medienkonzernen und -verbänden. In der Internet-Community führte das zu heftigen Protesten – unter anderem schaltete Wikipedia seine Website einen Tag lang komplett ab. Die Aktivisten kritisieren die Gesetzesentwürfe als Zensur, Einschränkung der Meinungsfreiheit und Knebelung des World Wide Web. Aufgrund der Proteste wurde im Januar 2012 der Verabschiedungsprozess im US-Repräsentantenhaus gestoppt. ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) ist ein ähnliches Vorhaben zum Kampf gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen auf der Basis eines zwischenstaatlichen Handelsabkommens. Dagegen formiert sich heftiger Protest in Europa, getragen von der Netzcommunity und der Piraten-Partei. Die Ratifizierung wurde bereits in mehreren Ländern ausgesetzt. In Deutschland hat die „Content Allianz“, zu der u.a. VPRT, GEMA, Musikindustrie, Produzentenverbände und die Öffentlich-Rechtlichen gehören, die schnelle Verabschiedung von ACTA gefordert. sip |
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Kasten: Der Wert des Urheberrechts
Der DJV kämpft an mehreren Fronten für die Rechte der Urheber: Mit Verbandsklagen steht er Journalisten und Fotografen bei, denen Medienhäuser und andere Verwerter möglichst viele Nutzungsrechte ohne angemessene Vergütung abnehmen wollen. Neben den Verwertern kratzen auch die Nutzer an den Rechten der Urheber: Vor allem mit der Kultur des Teilens von Musik, Bildern und Texten im Netz einerseits und den Abmahnungen etwa der Musikindustrie andererseits ist ein Streit darüber entstanden, ob das bisherige Urheberrecht noch den heutigen Bedingungen entspricht. Während Netzaktivisten die Nutzer in der Rolle des Davids gegenüber den Interessen der großen Verwerter sehen, gerät die Perspektive der Urheber schnell aus dem Fokus, vor allem wenn es nicht um die prominenten Kreativen geht, sondern um die „normalen“ Journalisten und Fotografen, die auch künftig von ihrer kreativen Arbeit leben wollen und müssen. Ein wirksamer Schutz des geistigen Eigentums gehört für den DJV deshalb zu den unverzichtbaren Grundlagen der journalistischen Berufsausübung – auch im digitalen Zeitalter. Allen Bestrebungen, die Werke von journalistischen Urhebern gegen deren Willen unentgeltlich verfügbar zu machen, erteilt der Verband eine klare Absage. Das Urheberrecht ist dazu gedacht, die Interessen von Urhebern und Nutzern auszugleichen. Wie das auch künftig geschehen kann, ohne dass die Urheber ihren Anspruch auf Vergütung verlieren, ist eine der wichtigen Debatten, die es zu führen gilt. Sie muss transparent und fair geführt werden, damit das Urheberrecht die notwendige Akzeptanz der Nutzer findet. Gerade bei den digitalen Nutzungen ist es wichtig, den Nutzern die Regelungen zu erklären, die für Laien manchmal schwer zu verstehen sind. cbl
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