JOURNAL 

des DJV-NRW

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 JOURNAL 2/12

Journalisten im Alltag

Sauerland und die Medien: 
Falsches Rollenverständnis

 

Die Berichterstattung war keine Kampagne, zeigte aber auch nicht immer die notwendige Distanz.

Am Abend des 12. Februar 2012 regiert für kurze Zeit die aufgebrachte Menge im Duisburger Rathaus. Es ist klar: Adolf Sauerland ist abgewählt. Nun wird der Christdemokrat auf dem Weg zu seiner Stellungnahme angepöbelt und beschimpft. Das Ordnungsamt muss eingreifen. Draußen starten ein paar versprengte Sauerland-Gegner Feuerwerksraketen, ein ­hupender Autokorso startet. „Wir sind Abwahl!“, „Wutbürger“ und „WM-Feeling“ gleichzeitig. 

Am Morgen danach kehrt Sauerland ins Rathaus zurück, um seinen Schreibtisch zu räumen. Schon im Vorfeld war ihm die Bezeichnung „Scheiß-Journalismus“ über die Lippen gerutscht. Jetzt pfeffert er mit der rechten Hand die Ausgabe des Duisburger Wochen-Anzeigers auf eine Kommode im Rathausfoyer. Das Titelblatt zeigt eine Collage aus zwei Sauerland-Fotos: eines mit leicht irrem Siegesblick nach seiner gewonnenen Wahl 2004, eines gedemütigt und mit Ketchup besudelt nach der Attacke ­eines Bürgers sechs Jahre später. „Das ist Dreck“, schnauft Sauerland. Das Lokalblatt war einen Tag vor dem Wahltermin erschienen.

Nach dem Bürgerentscheid sind die Medien ins Visier der Wahlverlierer geraten. Es gibt zwar keine offiziellen Beschwerden beim DJV oder beim Presserat. Aber wer mit Duisburgern journalistisch arbeitet, bekommt die Wut zu spüren. Seit der Loveparade habe es eine „beispiellose Hetzjagd gegen Sauerland gegeben“, meint auch ein Ratsmitglied, das nicht der CDU angehört.

Letzteres scheint wohl übertrieben, aber auch Experten sehen Teile der Berichterstattung kritisch. „Einige Kollegen scheinen ein völlig falsches Verständnis von Journalismus zu haben“, sagt Volker Wolff, Professor am journalistischen Seminar der Universität Mainz. 

Ketchup-Foto gegen Menschenwürde

Das sieht auch Rainer Grün so. Er sitzt für ein Wählerbündnis im Duisburger Stadtrat und kritisiert unter anderem das ständig abgedruckte Ketchup-Foto von Sauerland. „Die Darstellung ist als Symbol für Bürgerprotest mehr als ungeeignet“, so Grün. Schließlich sei die Attacke im November 2010 von einem stadtbekannten umstrittenen Störer verübt worden. Einem Mann, der schon mehrmals wegen Beleidigung aufgefallen war.

„Wir wollten die Tat mit Sicherheit nicht rechtfertigen“, sagt dazu die Redaktionsleiterin des Wochen-Anzeigers, Sabine Justen. Aber die ­Gegenüberstellung von Wahlsieg und Ketchup-Attacke zeige nun mal den Verlauf bis zur heutigen Umstrittenheit von Adolf Sauerland. 

„Das ist in Anbetracht des öffentlichen Interesses auch in Ordnung“, sagt zum konkreten Fall Journalismus-Experte Wolff. Und warnt trotzdem. Denn das Ketchup-Foto könnte auch als Verletzung der Menschenwürde aufgefasst werden, geschützt durch Ziffer 1 des Pressekodex. Ein Abdruck, der zeitlich nicht unmittelbar nach dem eigentlichen Geschehen erfolge, sei somit schwierig. 

Apropos Bildauswahl, apropos zeitlicher Zusam­menhang. Einige Wochen vor dem Bürger­entscheid bringt das Internetportal DerWesten das Foto eines offenbar feixenden Herrn Sauerland. Die passende Bildunterzeile: „Oberbürgermeister Sauerland lässt sich die Laune nicht ­vermiesen.“ Nur: Das Foto ist uralt. Es entstand 2008, also sogar noch vor dem Loveparade-Unglück. 

Dr. Tobias Gostomzyk findet das „grenzwertig“. Er ist Professor für Medienrecht an der Technischen Universität Dortmund. Zwar sei der Hinweis „Archiv-Foto“ vorhanden – es werde aber trotzdem der Eindruck erweckt, die Aufnahme sei aktuell entstanden.

Noch weiter geht Prof. Dr. Christian Schicha, Medienwissenschaftler an der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf. Die Bildauswahl im konkreten Fall sei „geschmacklos“. Überhaupt hätten viele Zeitungen seit der Loveparade Fotos „leidenschaftlich“ genutzt, um Sauerland immer wieder vorzuführen. Immer wieder Sauerland mit unschuldig, abwehrenden Handflächen nach außen. Immer wieder Sauerland aus der Froschperspektive. 

Hinzu kommt die Nähe einiger Medienvertreter zur Abwahlinitiative. Zur letzten Ratssitzung vor dem Bürgerentscheid kam eine freie Journalistin mit einem „Ja zur Abwahl“- Anstecker. Verschiedene Zeitungen nannten den Termin für die Abstimmung gar nicht erst Bürgerentscheid oder eben Abstimmung, sondern direkt „OB-Abwahltag“. Als hätte das Volk schon entschieden.

„Das geht gar nicht“, ärgert sich Journalismus-Professor Wolff. „Ein Journalist bleibt immer distanziert“, sagt er. „Dabei muss er sich neben sich stellen, sich mit seiner eigenen Meinung ­zurückhalten“, erklärt Wolff. Sonst erfülle der Journalist schlichtweg seine Aufgabe nicht. Nämlich die Öffentlichkeit so zu informieren, dass sie selbst entscheiden kann. Und zwar ­umfassend, ohne einen Teil der Wahrheit zu unterdrücken. 

Doch die ganze Wahrheit passt leider in keine Schlagzeile. So titelte die Süddeutsche Zeitung am 23. September 2011: „Trickser im Rathaus“. Bundesweit auf Seite 1. Gemeint war natürlich das Duisburger Rathaus. Das städtische Wahlamt hatte angekündigt, Unterschriften der Bürger für ein Sauerland-Abwahlverfahren nicht gelten lassen zu können, falls bei der Adresse des Unterzeichners die Hausnummer fehle. 

Was nicht in dem Artikel stand: Das Wahlamt lag mit seinem Vorgehen allem Anschein nach richtig. Die Unterschriften für ein solches Verfahren müssen nun mal laut gängiger Rechtsprechung gewisse Formalien erfüllen. Auch die Düsseldorfer Bezirksregierung hatte deshalb nichts zu beanstanden. Die zuständigen Mit­arbeiter der Stadt zeigten sich dementsprechend irritiert. Schließlich waren sie zuvor für die ­ordentliche Ausführung und Auswertung etlicher Wahlen in Duisburg verantwortlich gewesen. Nun standen sie plötzlich im Verdacht, mit Tricks die Abwahl von Sauerland verhindern zu wollen. Doch zu spät. Andere Medien sprangen auf. Schon wieder ein Skandal aus dem Ruhrpott-Sumpf. 

Alle haben abgesagt

Aber, und auch das gehört zur ganzen Wahrheit, Sauerland und seine CDU verhinderten eine ausgewogene Berichterstattung oft selbst. Denn Medienanfragen wurden in vielen Fällen einfach abgeblockt.

Gabriele Kraiczek kann ein Lied davon singen. Die WDR5-Redakteurin war für die Vorbereitung einer „Hallo Ü-Wagen“-Sendung einen Tag vor der Abstimmung in Duisburg zuständig. „Wir haben nacheinander Adolf Sauerland, die Duisburger CDU-Fraktion, den CDU-Kreisverband und CDU-Landtagsabgeordnete zu der Sendung eingeladen“, erzählt Kraiczek. „Alle ­haben abgesagt.“ Eine Sondersendung am Tag vor einer demokratischen Abstimmung sei „Propaganda-Rundfunk“, hieß es zur Begründung aus Parteikreisen.

Das sieht Journalismus-Professor Wolff anders. „Die redaktionelle Entscheidung für eine solche Sendung ist in Ordnung und nachvollziehbar“, sagt der Experte. Das Loveparade-Unglück und die politischen Folgen seien schließlich in Nordrhein-Westfalen Top-Thema. „Wenn die CDU trotz Anfrage da blockt, ist sie es selbst Schuld, wenn sie nicht zu Wort kommt“, so Wolff. 

Einige schauen nervös weg

Die aufgebrachte Menge ist nicht mehr da, als Adolf Sauerland das Rathaus am Mittag nach seiner Abwahl wieder verlässt. Dafür hält noch eine Handvoll Journalisten die Stellung. Eine Fernsehkamera verfolgt seinen Weg von der Rathaustreppe zum Parkplatz ins Auto. Niemand spricht ihn jetzt noch an, einige Medienvertreter schauen nervös weg. Eine merkwürdige Stimmung entsteht. Drinnen bei der Kaffee-Ausgabe räumt eine Mitarbeiterin ein: „Ich bin ein bisschen traurig.“ 

Sie muss sich irren. Denn ein Online-Dienst meldet kurz darauf: „Die über 6 000 Mitarbeiter im Rathaus sind erleichtert.“ 

Benjamin Sartory

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