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JOURNAL 6/08
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Trauma und Journalismus Wie gehen Journalisten mit belastenden Situationen um? Kann man sich im voraus gegen traumatische Erlebnisse wappnen? Um diese Fragen drehte sich eine Podiumsveranstaltung am 20. November in Köln, veranstaltet von der KJV und dem Dart Center für Traum und Journalismus.
Trauma – das ist ein großer Begriff, und viele Journalistinnen und Journalisten haben Schwierigkeiten damit, ihn auf sich zu beziehen. Dabei sind es manchmal ganz kleine Ereignisse, die einen Menschen in seinen Grundfesten erschüttern können. Kolleginnen und Kollegen für dieses Thema sensibilisieren möchte das Dart Center für Journalismus und Trauma (JOURNAL berichtete mehrfach) und holte für diese Veranstaltung die Kölner Journalisten-Vereinigung (KJV) mit ins Boot.
Was ist eigentlich ein Trauma, was macht eine Situation besonders belastend, wollte Moderatorin Monika Hoegen zum Einstieg von Dr. Christiane Eichenberg wissen. „Es gibt kein absolutes Maß“, erklärte die Kölner Psychologin. Entscheidend sei, ob man etwas bewältigen könne oder nicht, und das sei für jeden Menschen anders. Belastend sei es, „wenn ein Missverhältnis zwischen der Situation und den individuellen Bewältigungsstrategien besteht“.
Wie unterschiedlich die Auslöser sein können, zeigten die Berichte der beiden Praktiker auf dem Podium. Der freie Filmemacher Martin Hilbert geht mit viel Überlegung an seine Projekte in Drittwelt- und Schwellenländern. So fühlte er sich auch vorbereitet, als er vor Jahren mit seinem Team nach Ruanda fuhr, um über den Genozid zu berichten. „Wir hatten uns überlegt, wie wir mit den vielen Toten umgehen, wie wir den Respekt wahren können. Was mich umgehauen hat, womit ich nicht rechnen konnte, waren die kleinen Kinder, die überlebt haben.“
Plötzlich in einem Raum voller schweigender, großäugiger Kriegswaisen zu stehen löste den Impuls aus, „möglichst viele mitzunehmen.“ Sicher eine unüberlegte und hilflose Reaktion, so Hilbert selbstkritisch. Die Bilder haben ihn jedenfalls lange beschäftigt, und heute fragt er sich vor Reisen in Krisenregionen immer: Was könnte die „Ruanda-Situation“ sein? – sein Versuch, sich auf genau das einzustellen, das unberechenbar ist.
Betrifft nicht nur „Weitwegistan“
Aber das Unberechenbare begegnet einem eben nicht nur in „Weitwegistan“, wie Udo Beißel, Polizeireporter in einer Außenredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger, erklärte, sondern u.U. auch direkt zuhause vor der Tür. Beißel hatte sich vorher gut überlegt, ob er die Aufgabe übernimmt und für sich sogar eine Art „Probezeit“ vereinbart. Insgesamt kommt er mit seiner Arbeit gut zurecht, aber manches beschäftigt ihn mehr als anderes, z.B. ein Unfall mit einem kleinen Mädchen. Der Grund: Das angefahrene Kind war etwa so alt wie seine Tochter und fuhr das gleiche Kinderrädchen.
Die Verarbeitungsstrategien sind unterschiedlich. Hilbert ist froh, dass er seine Projekte im Team macht, wo man über das gemeinsam Erlebte reden kann. In den Situationen selbst hilft ihm auch der Rückzug auf das rein Funktionale: Licht, Blende, Bildausschnitt als Distanzierungsmöglichkeit.
Udo Beißel hat engen Kontakt mit Polizei und Feuerwehr, bei Bedarf auch den Zugriff auf einen Notfallseelsorger. Aber er macht nach eigener Einschätzung viel mit sich selbst aus, nutzt vor allem Sport als Möglichkeit, sich nach großen oder schwierigen Einsätzen abzureagieren. „Darüber hinaus versuchen wir auch, nach Katastrophen etwas Positives zu berichten, etwa die Musikerin, die ein halbes Jahr nach dem großen Zugunglück in Brühl wieder Geige spielen kann.
Nachhaltigkeit in der Berichterstattung – das ist der Teil, den die Redaktionen ganz konkret beitragen können, um ihren Mitarbeitern den Umgang mit schwierigen Einsätzen zu erleichtern. Auch die Rücksicht auf die persönliche Situation der beauftragten Reporter kann helfen. Aber die gute Redaktionskultur ist das eine, wie Martin Hilbert erklärte, das andere seien eben die Anforderungen an das gelieferte Material. „Aus Sicht der Redaktionen muss immer stärker gedreht werden. Wir müssen bestimmte Bilder bringen, wenn der Film laufen soll.“ Einstellungen von Toten oder Verletzten, die vor Jahrzehnten noch denkbar gewesen wären, seien heute selbstverständlich.
In der Ausbildung verankern
Wie gut Menschen mit belastenden Erfahrungen in ihrem Berufsleben umgehen können, hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob das Thema schon Teil ihrer Ausbildung ist. Hier liegt für den DJV, aber auch für die Medienhäuser, Ausbildungseinrichtungen usw. eine wichtige Aufgabe: das Thema stärker von Anfang an im Bewusstsein des Nachwuchses zu verankern.
Der WDR arbeitet daran seit 2006 und macht mit der ard.zdf medienakademie und mit Unterstützung dem Dart Center bereits Workshops und Seminare zum Thema. Mit einem Film des WDR-Kollegen Thomas Görges versucht man außerdem, „auch Leute zu ereichen, der eher sketisch gegenüber der ‘Betroffenheitskiste’ sind“, wie Anne Lührs es nannte, stellvertretende Leiterin der Aus- und Fortbildung im WDR. Auch wenn sich schon viel verbessert habe, gebe es auch in diesem Sender nach Veränderungsbedarf.
Die Veränderung muss in diesem Fall in den Medienhäusern vor allem von oben kommen, erklärte die Traumtherapeutin Fee Rojas, die im Publikum saß und eng mit dem Dart Center zusammenarbeitet. Was man tatsächlich trainieren könne, sei der „ressourcenschonende Umgang, die individuelle Bewältigungsstrategie.“ Es helfe auch schon, wenn man verstehe, was mit einem gerade passiert.
Wie Weiterbildung außerhalb der großen Häuser aussehen könnte, blieb an diesem Abend offen. Ebenso wie eine zweite Idee nur angerissen werden konnte: Journalisten so auszubilden, dass sie als kompetente Ansprechpartner zur Verfügung stünden. Ein Gespräch mit einem ausgebildeten Kollegen könnte ggf. hilfreicher sein als mit einem Therapeuten, weil der Journalist verstünde, worum es geht, hatte Hilbert während der Diskussion erklärt.
Corinna Blümel
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